Check­li­ste frist­lo­se Kün­di­gung im öffent­li­chen Per­so­nal­recht

Datum: 

22.09.2025

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Frist­lo­se Kün­di­gung durch die Behör­de

Die frist­lo­se Kün­di­gung (unein­heit­li­che Ter­mi­no­lo­gie: z. T. auch frist­lo­se Ent­las­sung oder ausser­or­dent­li­che Been­di­gung) durch die Behör­de been­det das Anstel­lungs­ver­hält­nis per sofort, ohne Rück­sicht auf Kün­di­gungs­fri­sten oder Sperr­fri­sten, etwa bei Krank­heit. Der Weg ist dor­nen­reich: Eine frist­lo­se Kün­di­gung ist nur in Aus­nah­me­fäl­len und unter stren­gen Vor­aus­set­zun­gen zuläs­sig. Die Behör­de muss rasch han­deln und dabei die ver­fas­sungs­recht­li­chen Min­dest­ga­ran­tien, ins­be­son­de­re den Anspruch auf recht­li­ches Gehör, wah­ren. Ver­fah­rens­feh­ler kön­nen teu­er wer­den.

Skiz­ziert wer­den nach­fol­gend die wich­tig­sten drei Pha­sen einer frist­lo­sen Kün­di­gung durch die Behör­de, ein­schliess­lich Hin­wei­se auf gel­ten­de Rech­te, Pflich­ten und Recht­spre­chung. Die drei Pha­sen ver­lau­fen dabei häu­fig nicht line­ar, son­dern teils auch über­lap­pend.

 

PHASE 1 — Vor der frist­lo­sen Kün­di­gung

Aus­lö­ser und Fact Fin­ding

  • Hand­lung oder Unter­las­sung einer ange­stell­ten Per­son
  • Die Behör­de hat den Sach­ver­halt zügig abzu­klä­ren

 

Begrün­det die Handlung/Unterlassung einen wich­ti­gen Grund zur frist­lo­sen Kün­di­gung?

  • Das öffent­li­ches Per­so­nal­recht ver­weist zum Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grunds häu­fig auf Art. 337 Abs. 2 OR:
    «Als wich­ti­ger Grund gilt nament­lich jeder Umstand, bei des­sen Vor­han­den­sein dem Kün­di­gen­den nach Treu und Glau­ben die Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses nicht mehr zuge­mu­tet wer­den darf»
  • Auch ohne aus­drück­li­chen Ver­weis berück­sich­tigt das Bun­des­ge­richt die OR-Pra­xis zur frist­lo­sen Kün­di­gung (z. B. BGer 8C_521/2022, E. 6.1.1).
  • Mass­ge­bend sind stets die Umstän­de des Ein­zel­falls: Dau­er des Dienst­ver­hält­nis­ses, Stel­lung und Funk­ti­on, Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung, Reak­ti­on auf frü­he­re Ver­war­nun­gen.
  • Bei­spie­le: Frist­lo­se Ent­las­sung eines Waadt­län­der Leh­rers wegen amts­chä­di­gen­der Äusse­run­gen, mit­un­ter auf Social Media, bejaht (BGer., Urteil 1C_10/2025 v. 18.7.2025). Wich­ti­ger Grund hin­ge­gen ver­neint — frist­lo­se Kün­di­gung eines Gen­fer Sicher­heits­dien­st­an­ge­stell­ten nach Belei­di­gung eines Besu­chers („con­nard fini“) – Fehl­ver­hal­ten ja, aber nicht schwer genug nach fast 17 Jah­ren Dienst (BGer., Urteil  8C_147/2022 v. 23.11.2022)

 

Not­wen­dig­keit einer Ver­war­nung und mil­de­ren Mass­nah­men prü­fen

  • Ohne Ver­war­nung: Eine frist­lo­se Kün­di­gung ist nur bei beson­ders schwe­ren Pflicht­ver­let­zun­gen (Aus­fluss des Ver­hält­nis­mä­ssig­keits­prin­zips) ohne Ver­war­nung begrün­det.
  • Wie­der­hol­te, weni­ger schwe­re Pflicht­ver­let­zun­gen kön­nen nach Abmah­nung auch eine frist­lo­se Kün­di­gung begrün­den
  • Die frist­lo­se Kün­di­gung ist eine ulti­ma ratio Mass­nah­me. Es sind stets mil­de­re Mass­nah­men wie z. B. Ver­set­zung, ordent­li­che Kün­di­gung zu prü­fen.

 

Wäh­rend Sach­ver­halts­ab­klä­rung: Ent­bin­dung von der Arbeits­lei­stung?

Wäh­rend der Sach­ver­halts­ab­klä­rung wird die Behör­de häu­fig prü­fen, ob die betrof­fe­ne Per­son vor­läu­fig von ihren Dien­sten ent­bun­den wer­den soll – in der Regel bei wei­te­rer Lohn­zah­lung.

  • Eini­ge Per­so­nal­ge­set­ze sehen aus­drück­lich die Mög­lich­keit einer Frei­stel­lung via Verfügung/Vereinbarung oder einer vor­läu­fi­gen Ein­stel­lung im Amt vor.
  • Nach hier ver­tre­te­ner Auf­fas­sung braucht ein sol­cher Ein­griff zur Wah­rung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­ze jedoch stets eine kla­re gesetz­li­che Grund­la­ge.

 

Recht­li­ches Gehör 

  • Die Behör­de hat die betrof­fe­ne Per­son ohne Ver­zug über ihre frist­lo­se Kün­di­gungs­ab­sicht zu infor­mie­ren.
  • Es ist der betrof­fe­nen Per­son Akten­ein­sicht in alle ent­scheid­we­sent­li­chen Unter­la­gen gewäh­ren (vgl. BGE 132 II 485 E. 3.2).
  • Auch ist der betrof­fe­nen Per­son eine ange­mes­se­ne Frist zur Stel­lung­nah­me anzu­set­zen
  • Ver­zicht auf Anhö­rung  der betrof­fe­nen Per­son ist nur in Aus­nah­me­fäl­len zuläs­sig (z. B. wenn sofor­ti­ger Ent­scheid im öffent­li­chen Inter­es­se, vgl. § 31 Abs. 2 PG ZH) – Anhö­rung ist grund­sätz­lich  nach­zu­ho­len.
  • ⚠️ Ver­let­zun­gen des recht­li­chen Gehörs kön­nen die Ver­fü­gung anfecht­bar machen; in schwe­ren Fäl­len ist sogar die Nich­tig­keit mög­lich (somit besteht das Anstel­lungs­ver­hält­nis fort).

 

PHASE 2: Frist­lo­se Kün­di­gungs­ver­fü­gung

Erlass und Wir­kung

Die frist­lo­se Kün­di­gung wird von der Behör­de nach Wür­di­gung aller Umstän­de als ulti­ma ratio Mass­nah­me ent­schie­den.

  • Sie ist eine Ver­fü­gung, die in der Regel schrift­lich erfol­gen muss.
  • Die Ent­scheid­ver­fü­gung muss als sol­che erkenn­bar sein und eine Rechts­mit­tel­be­leh­rung ent­hal­ten.
  • Kom­pe­tenz prü­fen: Häu­fig fällt die Kom­pe­tenz mit der Zustän­dig­keit zur Auf­lö­sung des Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses zusam­men.
  • Die frist­lo­se Kün­di­gung been­det das Arbeits­ver­hält­nis grund­sätz­lich sofort.
  • Die Nich­tig­keit der Ver­fü­gung tritt nur in Aus­nah­me­fäl­len ein.

 

Reak­ti­ons­frist beach­ten

  • Die Behör­de muss unver­züg­lich han­deln, sobald sie Kennt­nis vom wich­ti­gen Grund erlangt hat. Im öffent­li­chen Per­so­nal­recht wird der Behör­de eine län­ge­re Reak­ti­ons­zeit zuge­stan­den als im Pri­vat­recht (Faust­re­gel dort: 2–3 Tage). Ver­streicht zu viel Zeit, ist die frist­lo­se Kün­di­gung nicht mehr gerecht­fer­tigt.
  • Beginn der Frist: erst, wenn die Behör­de genü­gend siche­re Kennt­nis der Umstän­de hat und kei­ne wei­te­ren Abklä­run­gen mehr nötig sind.
  • Lau­fen­de Unter­su­chun­gen oder die Frist zur Anset­zung einer Stel­lung­nah­me dür­fen die Reak­ti­ons­frist nicht unbe­grenzt auf­hal­ten. Eine kon­kre­te Frist in Tagen gibt es nicht, die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts ist unein­heit­lich.
    • Zu lan­ge: fünf Mona­te zwi­schen Tat­sa­chen und Kün­di­gungs­ent­schei­dung → unzu­läs­sig (ETH Lau­sanne, BGer., Urteil 8C_204/2020 v. 17.8.2020).
    • Ange­mes­sen: vier Tage nach Abschluss der Stel­lung­nah­me­frist – (z. B. EDÖB-Fall, BGer., Urteil 1C_514/2023 v. 4.3.2024).

 

PHASE 3: Nach der frist­lo­sen Kün­di­gung

Rechts­mit­tel

  • Gegen die frist­lo­se Kün­di­gung kann bei der zustän­di­gen Instanz Rekurs oder Beschwer­de erho­ben wer­den.
  • Grund­satz: Dem Rechts­mit­tel kommt grund­sätz­lich kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung zu. Das Ange­stell­ten­ver­hält­nis endet sofort.

 

Fol­gen einer unrecht­mä­ssi­gen frist­lo­sen Kün­di­gung

  • Die Rechts­fol­gen rich­ten sich nach dem anwend­ba­ren Per­so­nal­sta­tut. In den mei­sten Fäl­len bleibt die frist­lo­se Kün­di­gung gül­tig, die Fol­gen sind meist finan­zi­el­ler Natur: (1) Lohn bis zum hypo­the­ti­schen ordent­li­chen Kün­di­gungs­ter­min oder bis zum Ablauf des befri­ste­ten Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses / der Amts­pe­ri­ode, ggf. (2) Ent­schä­di­gung und (3) Abfin­dung.
  • Nich­tig­keit? Eine unge­recht­fer­tig­te frist­lo­se Kün­di­gung kann nur dann nich­tig sein, wenn kumu­la­tiv fol­gen­de Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind (Evi­denz­theo­rie*, BGE 98 Ia 568):
    1. Die Ver­fü­gung weist einen beson­ders schwe­ren Man­gel auf.
    2. Der Man­gel ist offen­sicht­lich oder leicht erkenn­bar.
    3. Die Nich­tig­keit gefähr­det die Rechts­si­cher­heit nicht ernst­haft.
  • Ver­let­zun­gen des recht­li­chen Gehörs machen die frist­lo­se Kün­di­gung in der Regel anfecht­bar, nicht nich­tig.
  • Nach Bun­des­ge­richt ist eine Umwand­lung der frist­lo­sen Kün­di­gung in eine ordent­li­che Kün­di­gung durch die Rechts­mit­tel­in­stanz mög­lich (BGE 144 I 11 E. 4), im Pri­vat­recht hin­ge­gen gilt die frist­lo­se Kün­di­gung als unwi­der­ruf­li­ches Gestal­tungs­recht der Arbeit­ge­be­rin.

*Zum The­ma Evi­denz­theo­rie, sie­he auch die Dis­se­r­a­ti­on von Yan­nick Weber, Die Nich­tig­keit im öffent­li­chen Recht, Zürich 2024 (abruf­bar: https://suigeneris-verlag.ch/img/uploads/pdf/oa_pdf-die-nichtigkeit-im-offentlichen-recht-1710507358.pdf)

Son­der­fra­gen:

  • Die Ver­dachts­kün­di­gung gilt im öffent­li­chen Per­so­nal­recht gemein­hin als unzu­läs­sig wegen der Unschulds­ver­mu­tung.
  • Eine sozia­le Schon­frist akzep­tiert nach BGer: Die sozia­le Schon­frist bedeu­tet, dass die frist­lo­se Kün­di­gung trotz Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grun­des nicht sofort, son­dern erst nach einer im Ver­gleich zur ordent­li­chen Kün­di­gung ver­kürz­ten Frist wirk­sam wird.

 

Hin­weis: Die Check­li­ste bil­det eine all­ge­mei­ne Über­sicht, ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit und ersetzt kei­ne Rechts­be­ra­tung. Die Umstän­de des Ein­zel­falls und des anwend­ba­ren Per­so­nal­sta­tuts sind stets zu berück­sich­ti­gen.