Ohne Bewäh­rungs­frist ent­las­sen – Bun­des­ge­richt schützt Pro­be­zeit­ent­las­sung eines Rechts­prak­ti­kan­ten

Datum: 

23.04.2026

Kategorien: 

BGer, 1C_593/2025  v. 10. März 2026

Pro­be­zeit­ent­las­sung: recht­mä­ssig auch ohne Mit­ar­bei­ten­den­be­ur­tei­lung & Bewäh­rungs­frist?

In Kür­ze: Ja.

Aus­gangs­la­ge (E. A ff.):

Der Beschwer­de­füh­rer wur­de bereits nach weni­gen Wochen auf­grund von Kon­flik­ten und feh­len­dem Ver­trau­ens­ver­hält­nis wäh­rend der Pro­be­zeit bei der 2. Kam­mer des Ver­wal­tungs­ge­richts des Kan­tons Aar­gau ent­las­sen.

Nach­dem er kan­to­nal unter­lag, gelang­te er mit Beschwer­de in öffent­lich-recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten an das Bun­des­ge­richt.

Aus den Erwä­gun­gen (E. 3 ff.)

Kei­ne Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs trotz kur­zer  Stel­lung­nah­me­frist: Der Beschwer­de­füh­rer rüg­te eine Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs. Die Stel­lung­nah­me­frist zur beab­sich­tig­ten Kün­di­gung habe nur fünf Tage ein­schliess­lich des Wochen­en­des betra­gen. Das Bun­des­ge­richt erin­nert, dass die Leh­re bei Feh­len einer ein­heit­li­chen Frist von einem Zeit­raum von acht bis zehn Tagen aus­geht, wobei es Fri­sten von rund 24 bzw. 48 Stun­den oder gar einer hal­ben Stun­de als zu kurz bezeich­net (vgl. Urtei­le 8C_176/2022 vom 21. Sep­tem­ber 2022 E. 4.1; 8C_395/2009 vom 10. Novem­ber 2009 E. 7.5.1, je mit Hin­weis).  Zumut­bar dage­gen: Frist von vier Tagen zur Stel­lung­nah­me für einen Juri­sten, des­sen Arbeits­ver­hält­nis noch in der Pro­be­zeit gekün­digt wor­den war (vgl. Urteil 8C_467/2013 vom 21. Novem­ber 2013 E. 3.2). Vor­lie­gend erach­tet das Bun­des­ge­richt die Frist für einen Juri­sten wie den Beschwer­de­füh­rer als genü­gend.

Kei­ne for­mel­len und mate­ri­el­len Kün­di­gungs­män­gel: Das aar­gaui­sche Per­so­nal­ge­setz regelt die Pro­be­zeit­kün­di­gung nicht aus­drück­lich. Es ver­weist jedoch all­ge­mein auf das OR, wes­halb eine Ori­en­tie­rung an den Pro­be­zeit­be­stim­mun­gen des OR gemäss BGer zuläs­sig ist. (Anmer­kung: Die Pro­be­zeit­vor­schrif­ten nach OR ver­lan­gen bekannt­lich kei­ne Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung oder Bewäh­rungs­frist, anders als etwa § 10 Abs. 1 lit. c des aar­gaui­schen Per­so­nal­ge­set­zes.)

Kei­ne Ver­let­zung des ver­fas­sungs­recht­li­chen  Ver­hält­nis­mä­ssig­keits­prin­zips (Art. 5 BV): Der Beschwer­de­füh­rer rügt eine Ver­let­zung des Ver­hält­nis­mä­ssig­keits­prin­zips, da kei­ne mil­de­ren Mass­nah­men (z.B. Mah­nung oder Bewäh­rungs­frist) geprüft wor­den sei­en. Da Art. 5 BV kein Indi­vi­du­al­recht ist, greift das BGer ausser­halb von Grund­rechts­ein­grif­fen nur bei offen­sicht­li­cher Unver­hält­nis­mä­ssig­keit (Will­kür) ein, was es vor­lie­gend nicht erkennt.

Anmer­kung

Der Ent­scheid bestä­tigt die redu­zier­ten Anfor­de­run­gen an eine Kün­di­gung auch im öffent­li­chen Dienst wäh­rend der Pro­be­zeit.

Anders ausser­halb der Pro­be­zeit: Dort ver­langt das Ver­hält­nis­mä­ssig­keits­prin­zip grund­sätz­lich, dass  die staat­li­che Arbeit­ge­be­rin mil­de­re Mass­nah­men  vor einer Kün­di­gung prüft. Aller­dings ist auch dies nicht starr: Der Staat kann von sol­chen Mass­nah­men abse­hen, wenn sie ex ante aus­sichts­los erschei­nen, (vgl. jüngst zur Gen­fer Pra­xis: kei­ne Ver­set­zungs­pflicht bei von vorn­her­ein aus­sichts­lo­ser Wei­ter­be­schäf­ti­gung).

Vor­lie­gend ver­mis­se ich im Urteil – eine Aus­ein­an­der­set­zung bzw. Rüge mit dem mit dem Umstand, dass hier ein ohne­hin auf nur sie­ben Mona­te befri­ste­tes Anstel­lungs­ver­hält­nis gekün­digt wur­de, das  also ohne­hin durch Zeit­ab­lauf rasch geen­det hat­te. Auch ist davon aus­zu­ge­hen , dass der Rechts­prak­ti­kant auf die­se Stel­le mit Blick auf die Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen zur Aar­gau­er Anwalts­prü­fung ver­mut­lich ange­wie­sen war.